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Opening 01.12.2022, 18 - 22h | exhibition 01.12.2022 - 23.03.2023
BLUFF


curated by Lilian Robl & Leontine Köhn


with: Gabrielle Le Bayon, Harun Farocki, Leonhard Hieronymi, Lukas Hoffmann, Ju Young Kim, Jeff Koons, Wolfgang Matuschek, Louise Mutrel, Opium Philosophie, Nico Sauer, Ilaria Vinci

Open by appointment  




 

 

 




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausstellungstext von Leonhard Hieronymi 



Über was wir reden, wenn wir über Kornkreise reden

 

Der Amerikaner Wade Boggs ist für seinen Aberglauben bekannt. Er aß während seiner Karriere als Baseballspieler vor jedem Spiel Hühnchen, kletterte immer zur gleichen Zeit aus dem Bett und lief pünktlich um 07:17 Uhr seine Sprints. Und obwohl er kein Jude ist, zeichnete er vor jedem Schlag das hebräische Wort Chai in die Batter's Box. Außerdem bat er den Ansager im Bostoner Fenway Park, Sherm Feller, seine Trikotnummer nicht zu nennen, wenn er ins Stadion rannte. Einmal war es nämlich so, dass Boggs besonders gut spielte, und da hatte Feller das zuvor vergessen.

Das Magazin Men’s Journal sieht ihn auf Platz 5 der abergläubischsten Sportler*innen der Welt. Auf Platz 1 steht ein weiterer Baseballspieler, Turk Wendell, dessen Exzentrik ich in diesem Text nicht erläutern möchte, nur soviel: er hat in einem Wettkampf mit seinem Mitspieler, der sich damit beschäftigte, wer von beiden mehr Hoden hätte, mit der Anzahl 7 gewonnen. 

 

Vor allem Amerikaner haben einen Hang zum Aberglauben und sie merken oft nicht, wenn sie im Spiel betrogen oder einfach nur so verarscht werden. Deshalb sind sie selbst oft Bluffer.

Wenn wir uns genauer fragen, wie zum Beispiel Wade Boggs abergläubisch geworden ist, dann wird schnell klar, dass er ganz offensichtlich deshalb vom christlichen Glauben abfällt, weil mal dieser Sherm Feller seine Rückennummer nicht genannt hatte, und er danach besser spielte als sonst. Das bewog Woggs dazu, Feller dazu zu zwingen, nie weder diese Rückennummer beim Einmarsch ins Stadion zu nennen, aber damit manipulierte Woggs sich quasi selbst. 

Wenn Woggs vorher nur latent abergläubisch war und schlecht gespielt hat, dann gab es eventuell jemanden im Team, der diese Latenz (mithilfe von Sherm Feller) zu reinem Aberglauben machen wollte, um Boggs besser spielen zu lassen. 

 

Stellt sich die nächste Frage. Wie macht man Leute abergläubisch?

Ganz einfach: Bluffen! 

In einem Experiment beweist Carina Remmers, Professorin für Psychologie, dass wir alle ziemlich schnell paranoid und psychotisch werden können (also abergläubisch). 

Remmers setzt sich dafür mit mehreren Proband*innen in einen dunklen Keller in Palo Alto. Das Gefühl, das die Studentinnen und Studenten im Keller des Departments of Psychology haben, muss sich stark vom Gefühl unterscheiden, das sie kurz vorher noch auf der Straße, beim Anblick der Palmen, Wallnuss- und Eichenbäume vor dunkelblauem Himmel, gehabt haben: Es ist ein bisschen eng, es gibt keine Fenster, die Decken sind niedrig, 60er-Jahre-mäßig, Linoleum-Böden.  

Aber alle da unten im Keller sind jung und gebildet, weil sie an der Universität in Stanford studieren. Und man könnte außerdem meinen, sie seien hochintelligent und dem logischen Denken verpflichtet. 

 

Remmers erklärt den Testobjekten, welche Hypothese im Raum stünde und was sie mit dem Experiment versuche herauszufinden. Aber sie lügt, sie erzählt ihnen irgendeine Geschichte, sie lenkt die Proband*innen quasi vom Kern des Experiments ab. (Das eigentlich Ziel ist nämlich das oben genannte: hochintelligente Menschen, die logisch denken, abergläubisch machen.)

Das Experiment funktioniert folgendermaßen: 

Prof. Remmers zeigt den Proband*innen diverse Nachrufe auf verstorbene Personen. Niemand kennt diese Personen, sie sind alle erfunden. Auch die Todesursachen (um die es eigentlich geht) sind erfunden und die Proband*innen sollen jetzt herausfinden, auf welche Art die Person gestorben ist:

 

  1. Autounfall?

  2. Herzinfarkt? 

  3. Leberzirrhose?

  4. Suizid? 

 

Die Proband*innen sollen raten. Und weil alles erfunden ist, ist eigentlich jede Antwort falsch. Nur sagt man ihnen das nicht, sondern gaukelt ihnen „richtig geraten“ und „leider falsch“ vor. 

Die Proband*innen werden in zwei Gruppen eingeteilt: Gruppe 1 hat scheinbar realistische/knapp unterdurchschnittliche Ergebnisse (um die 44%), die zweite kann Todesursachen überzufällig gut erahnen (77%). 

Alle Gruppen werden danach gefragt, ob sie an Paranormalität glauben: 

  • gibt es Schwarze Magie?

  • ist es möglich, mit den Toten zu kommunizieren?

  • ist Gedankenlesen möglich?

  • existiert die Seele nach dem Tod weiter?

  • gibt es Reinkarnation/Hellseherei/einen 6. Sinn/ESP/Telepathie und UFOs?

 

Wer aber gerade beim Todesursachen-Raten unterdurchschnittlich daneben lag, wird nicht unbedingt an Magie glauben. 

Anders sieht es da mit Gruppe 2 aus. 

Die kommt nämlich aus dem Experiment raus und sagt: „Hey, irgendwas stimmt nicht, Leute.“

Prof. Remmers fragt auch diese Gruppe, ob sie an Paranormalität glaubt, und siehe da: ein relativ hoher Prozentsatz der Personen in Gruppe 2 gibt zu, dass sie es tut.

Der Grund ist: Leute brauchen Erklärungen. Sonst werden sie verrückt. Insofern nehmen Menschen auch mit paranormalen Erklärungen vorlieb, solange diese ihnen helfen, ihren inneren Erfahrungen einen Sinn zu geben.

Zum Glück mussten die jungen Menschen in Palo Alto im Anschluss an das Experiment aufgeklärt werden. Zurück unter Palmen, Wallnuss- und Eichenbäumen auf dem Campus waren sie vielleicht auch ein bisschen traurig. 

 

Der Trick ist: Man kann den Bluff dieses Experiments auf alles anwenden! Man zeigt den Menschen ein Bild, das man gemalt hat. Man lässt sie etwas über das Bild sagen und lobt sie anschließend dafür oder sagt ihnen, dass sie recht hätten: dann glauben sie, dass sie sich mit Kunst auskennen! So ist das.

Oder gehen Sie mit jemanden durch die Ausstellung, durch diese BLUFF-Ausstellung hier, und sagen der Person, wenn diese irgendetwas über ein Exponat gesagt hat: „Ja, ich bin vollkommen deiner Meinung.“

Bluffen nennt man auch Heuchelei. Und tut das nicht manchmal gut?

Allerdings müssen wir weiter daran denken: Vorgemacht zu bekommen, wir hätten übersinnliche Fähigkeiten, bedeutet oft, dass wir glauben, wir hätten übersinnliche Fähigkeiten. Vorgemacht zu bekommen, wir würden etwas von moderner Kunst verstehen, bedeutet oft, dass wir wirklich glauben, dass wir es tun. Vorgemacht zu bekommen, dass die Lüge die Wahrheit ist, bedeutet oft, dass wir der Lüge glauben. 

 

Nachsatz: 

Übrigens, kennen Sie das Phänomen: sie träumen von einer alten Frau, die sich im Internet die kleinen, rauen Stellen ansieht, an denen bei römischen Skulpturen mal Penise oder Nasen waren? Vielleicht nicht. Aber wenn Sie heute Nacht davon träumen, dann wird Ihnen vielleicht auch dieser Text ein bisschen verständlicher. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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