18. September - 9. November 2020

liquid shapes and soft edges

Nicoleta Auersperg

Opening 17. September 2020, 16.00 - 21.00

Press Release:

 

Nicoleta Auersperg hat in den vergangenen Jahren ein vielschichtiges Werk aus Objekten, Skulpturen, Fotografien und Performances geschaffen, in dem Sie die komplexen Wechselbeziehungen von Form, Material und Prozess untersucht und reflektiert. Die in liquid shapes and soft edges gezeigten Werkkomplexe – Geometrische Körper, Ausdehnung im Raum, Mäander und Besetzer, erscheinen in ihrer Materialität und Formensprache sehr unterschiedlich - dennoch artikuliert sich in allen Arbeiten Auerspergs Interesse für die Entstehung von spezifischen Formen. Diese versteht die Künstlerin als temporäre Zustände verschiedener Prozesse mit und im Material.

Brandspuren, „Materialmängel“, Schweißnähte und ungeschliffene Glaskanten sind charakteristisch für ihre Arbeiten, die sich häufig im Spannungsverhältnis von mentaler Vorstellung und konkretem Objekt bewegen. Offensichtlich wird diese Wechselbeziehung, wenn Auersperg in den Geometrischen Körpern versucht mathematische Formen als physische Objekte zu materialisieren und ein Herstellungsverfahren wählt, welches gänzlich ungeeignet ist: die Glasbläserei.

Bei dem Handwerk des Glasblasens ist strikte Geometrie kaum realisierbar. Denn das Material Glas strebt stets nach einer runden Gestalt. Soll die runde Glasblase dennoch zu einem eckigen Objekt geformt werden, kommen Holzkonstruktionen zur Anwendung. Die Modelle aus massivem Kirsch- oder Buchenholz verbrennen bei diesem Verfahren Schicht um Schicht, und werden für gewöhnlich nach wiederholter Nutzung ausrangiert. In der Arbeit Geometrische Körper werden die vermeintlichen Hilfsmittel mit den durch sie geformten Glasobjekten hingegen kombiniert – somit werden alle Materialien und Produktionsschritte gleichwertig behandelt.

In Ihren Arbeiten Besetzer geht Nicoleta Auersperg hingegen vollkommen konträr mit dem Prozess des Glasblasens um. Wie als wäre das Material noch heiß sitzen die Glasobjekte auf den Plattformen, nehmen ihren Platz ein oder scheinen fast noch flüssig abzurutschen. Dabei wird das Material in keine Form gepresst sondern nimmt seine Form frei nach den physikalischen Gegebenheiten an.

Dass ein Prozess nicht auf die Interaktion von Substanzen beschränkt ist, sondern ein performatives Potential besitzt, wird in den Metallskulpturen Ausdehnung im Raum thematisiert, in denen jeweils mehrere Kreisformen an einem langen Stahlrohr angeschweißt wurden. Die Arbeiten können als direkter Verweis auf die Glasbläserei verstanden werden, in der die Glaspfeife, ein längliches Metallrohr, kontinuierlich gedreht wird und das Glas sich konzentrisch ausdehnt.

Dass Auerspergs Begriff von Formgenese auch gesellschaftliche und politische Dimensionen umfasst, unterstreichen die neuen und erstmals gezeigten Siebdrucke Mäander Die Darstellung, die vor dem Druckprozess digital erstellt wurde, zeigt den in der heutigen Türkei liegenden “Großen Mäander”. Nicht nur als Namensvetter des berühmten antiken Ornaments war der Fluss für die Künstlerin von Interesse, sondern vor allem als grundsätzliche Metapher: für formgebende Prozesse, in geologischer, ökologischer, historischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht. In der neuen Werkgruppe zeigt sich zudem die charakteristische Arbeitsweise von Nicoleta Auersperg, in der es ihr durch Leerstellen, Auslassungen und präzise, minimale Eingriffe gelingt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Dynamik zwischen Form und Material zu lenken.

Text: Yves Michel Saß

Nicoleta Auersperg (*1991, Buenos Aires, Argentina) has studied transdisciplinary Art at the University of applied Arts, and Textual Sculpture at the Academy of Fine Art Vienna in Vienna, as-well as in the Glasdepartement at the Rietveld Academie, Amsterdam. She lives and works in Berlin and Vienna.

Exhibitions | Selection:

hot to the touch, Musa, Wien Museum 2019 (solo); the boy tumbled off a chair, he did not hurt himself /on the new, Belvedere21, Vienna, 2019; As if falling under a spell, Project Space Festival Berlin, 2019; Collective Practice and Women Artists’ Complicity, das weisse Haus, Vienna, 2019; Tomorrow is Cancelled, Krinzinger Projekte, Vienna, 2018; and|or—but, yeah*, Kunstraum Lakeside, Klagenfurth, 2018; How we want to work – DAC, Dimension Art Center, Chonquing, CHN, 2017;

nicoletaauersperg.com