5. June 2021

Stretch

Živa Drvarič, Maximilian Haja, Christina Huber, Kristina Lovaas, Johanna Käthe Michel, Martina Morger 

Curated by Philipp Lange

Open by appointment

Press Release DE:

Stretch

Aktuell scheint ein mitunter fremdgesteuertes Verlangen nach Anerkennung, Anpassung und Selbstoptimierung verstärkt in Frage gestellt zu werden. Denn im Zuge des pandemiebedingten Stillstands ist ersichtlich geworden, welche alltäglichen Strapazen und Spagate wir üblicherweise auf uns nehmen. Das Individuum findet sich in einer plötzlich heruntergefahrenen Gemeinschaft wieder, die jedoch nach wie vor von Erwartungsdruck und Verausgabung gekennzeichnet ist. Die Ausstellung Stretch setzt sich mit Potenzialen und Gefahren von Alltagsanstrengungen auseinander und gibt Anlass, einen Moment innezuhalten, bevor das Leben möglicherweise im gewohnten Tempo weitergeht.
 

Mit aktuellen Arbeiten widmen sich sechs Künstler:innen verschiedenen Aspekten des Streckens, Verbiegens und Dehnens. Der Begriff Stretch wird hier als Phänomen verstanden, das unterschiedliche Ausformungen haben kann und die leistungsorientierte Gesellschaft durchdringt. Nicht nur im Sport, im Haushalt oder in handwerklichen Praktiken, sondern auch im Streben nach Schönheits- und Ge- sellschaftsidealen wird (sich) gestreckt und gereckt. Stets mit einer mentalen, körperlichen oder tech- nischen Kraftausübung verbunden, sollen durch Stretching gewünschte Ergebnisse für einen kurzen oder lang anhaltenden Zeitraum erreicht werden. Dabei können allerdings diverse Schäden hervorgerufen werden: Einerseits steht gedehntes Material schnell an der Schwelle zur Überstrapazierung, andererseits kann die ausübende Kraft selbst an ihre äußersten Belastungsgrenzen stoßen.
 

Von Keramik über Textil, von Stahlskulptur zu Drucktechnik bis hin zu Malerei – in der Ausstellung ist eine Bandbreite an künstlerischen Praktiken vertreten. Die Werke zeugen von körperlichen Tätigkeiten und rücken die menschliche Physis als Motiv in den Vordergrund. Der Körper erscheint als Apparat, der nicht nur flexibel, sondern auch vergänglich und verletzlich ist.
 

Živa Drvarič tastet sich im Medium der Fotografie an Körper heran, die als schwarz-weiße Siebdrucke auf Naturleinen präsentiert werden. In ihrem weichen Erscheinungsbild und in unbestimmten Momenten festgehalten kontrastieren Not right und Stretch to fit stereotype Vorstellungen von sich stählernden Körpern im Fitnessstudio. Füße und Beine treten als Träger des Körpers in den Fokus, dem sie Stabili- tät geben, um sicher voranzuschreiten. Eine Hand streckt sich in Reflections III in die Luft – eine flüchtige Geste, die sehnsuchtsvoll und gleichermaßen gespenstisch wirkt.
Dass ein Kraftaufwand auch zu einer Befreiung führen kann, stellt die Künstlerin in einer Serie von Stahlskulpturen unter Beweis. Im verbogenen Zustand sind die überdimensionalen Büroklammern ihrer eigentlichen Funktion beraubt und treten nun als emanzipierte Subjekte in Erscheinung. Zwar stützen sie sich in ihrer neu gewonnenen Freiheit Hilfe suchend ab, doch scheinen sie sich zugleich selbstsicher in neuer Umgebung behaupten zu können.

 

In Christina Hubers Malereien verschwimmt Abstraktion mit Dinglichkeit. Die Oberflächen der Leinwände treten reliefartig in Erscheinung. Kleine Auswölbungen des Materials wirken rätselhaft und duplizieren das Medium der aufgespannten Leinwand. Wie Haut daherkommend scheinen die Bilder nahezu einen selbsttätigen Stoffwechsel zu betreiben. Spuren von Farbe schimmern wie Blutgefäße hindurch, während sich irisierende Farbübergänge vom Organischen entfernen und viel eher an digitale Oberflächen erinnern. In kleinen Formaten versammeln sich die Bilder mit Titeln wie Nach unten links oder Strecken in einer losgelösten Hängung.
In Schwarzer Drache ist die Ölfarbe wie ein Peeling auf das Leinengewebe einmassiert worden. Als pastoser Auftrag bleibt der Farbbestand schlammig zurück. Weder der Beginn noch das Ende des Vorgangs sind klar auszumachen. Durchdrungen von inneren Prozessen und äußeren Einwirkungen fungiert die Hülle eines Körpers wie eine Oberfläche, die unentwegt mit Innen- und Außenwelt in Verbindung steht.

Die Keramiken von Kristina Lovaas blicken uns fratzenhaft entgegen. Es handelt sich um Nachbildungen von Schönheitsmasken, die in der originalen Version der Hautbehandlung dienen. Einst sorgsam aus Ton geformt, bleiben die finalen Objekte wiederum dem Zufall überlassen. Denn die Künstlerin lässt ihre Tonmasken fallen, bevor sie im Brennofen erstarren. Die zerstörerische Geste bricht mit den Traditionen der klassischen Bildhauerei und spiegelt eine Abkehr von den Zwängen eines Schönheitskults wider. Zugleich verharren die Gesichtsausdrücke im Grotesken, als ob es kein Entrinnen gäbe. Dem Alltag entrissen spannt sich ein Rollkragenpullover mit überlangen Ärmeln quer über die Wand. Das Kleidungsstück verspricht für gewöhnlich wohltuende Wärme und Schutz. Hier scheint es dem Raum Zuneigung schenken zu wollen und eine Umarmung zu suchen. Doch eine Berührung erweistsich aktuell als ferner denn je, wie die ins Nichts greifenden Arme von Caught and To Be Catched zu verstehen geben.

In Johanna Käthe Michels Installation sind die zur Fürstenstraße gelegenen Schaufenster mit sogenannten Augenpads übersäht. Ausgetrocknet kleben sie an der Scheibe, anstatt ihrer eigentlichen Funktion nachzukommen. Während sie normalerweise der Minderung von Augenschatten und Falten dienen sollen, erscheinen sie hier wie abstrakte Fensterbilder, die einer Ansammlung befremdlicher Organismen gleichen. In ihrer zur Schau gestellten, lädierten Gestalt zeigen die Kosmetika ironischerweise selbst Alterserscheinungen auf. Was uns derartige Anwendungsmittel versprechen, die insbesondere ein „natürliches“ Aussehen als Ideal proklamieren, führt die Künstlerin in ihrer Werkserie Promises auf poetische Weise vor Augen. Aus Produktbeschreibungen kreiert sie in Cut-out-Technik Gedichte, die nun als Poster präsentiert werden. Eine vermeintliche Fürsorge der Herstellerfirmen für unser Wohlergehen wird ad absurdum geführt. Gleichermaßen lassen sich Momente der individuellen Selbstfürsorge imaginieren.

Martina Morgers begehbare Installation mit dem Titel They start to loose it with time besteht aus einer PVC-Schutzmatte, die schwer auf dem Boden liegt. Auf ihrer glänzenden Oberfläche macht sich eine mühsamverrichtete Arbeit erkennbar. So sind Schleifspuren zu sehen, deren Ursprung jedoch unklar bleibt. Die Einkerbungen und Abriebe zeugen von etwas Geschehenem, das eine menschliche Tätig- keit vermuten lässt. Wie ein programmierter und dennoch viskoser Arbeitsapparat könnte ein Körper zu Gang gewesen sein. Seine Abwesenheit schimmert im Lichteinfall auf. Zugleich scheint der Prozess nicht final abgeschlossen, da uns die Plastikbahn, einer weiteren Abnutzung ausgeliefert, zu Füßen liegt. So erstreckt sie sich sperrig durch die Räume der Galerie. Den Außenbereich ansteuernd wird der Eindruck erweckt, dass sich eine Flucht aus dem Zentrum ereignen will. Mit der ortspezifischen Einnahme der Räumlichkeit testet die Künstlerin zugleich deren Grenzen aus. Das den Boden schützende Material stößt dabei an Kanten oder landet in einer Sackgasse.

Bei Maximilian Hajas großflächig auf die Wand aufgetragenem Bild handelt es sich um einen Aus- schnitt aus dem Film Uzumaki des japanischen Regisseurs Akihiro Higuchi aus dem Jahr 2000. Plot der Manga-Verfilmung ist die kontinuierlich wachsende Obsession einer ganzen Stadtbevölkerung mit Spiralen, woraus sich makabre Szenen entwickeln. Das hier ausgewählte Motiv zeigt den Protagonisten. Zwar gelingt es ihm zunächst, gemeinsam mit seiner Freundin, von der umgreifenden Besessenheit befreit zu bleiben. Allerdings findet er sich schließlich selbst als das hier dargestellte Wesen mit ausgeleierten Gliedmaßen zurück und scheint nun nutzlos gemacht für ein funktionierendes Leben. Ob es eine Flucht oder eine Befreiung ist, bleibt offen, wenn die übernatürlichen Veränderungen Wirkung zeigen. Die gesichts- und körperlose Bedrohung macht tiefsitzende Ängste sichtbar, die danach fragen, welche Zwänge und Routinen zu einem geistigen oder körperlichen Stretch führen. Für welche Ziele beginnen wir uns zu strecken, damit wir etwas erreichen oder einer Sache entkommen?

 

Text von Philipp Lange