5. June - 23. August 2021

Stretch

Živa Drvarič, Maximilian Haja, Christina Huber, Kristina Lovaas, Johanna Käthe Michel, Martina Morger 

Curated by Philipp Lange

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DE:

Stretch

Aktuell scheint ein mitunter fremdgesteuertes Verlangen nach Anerkennung, Anpassung und Selbstoptimierung verstärkt in Frage gestellt zu werden. Denn im Zuge des pandemiebedingten Stillstands ist ersichtlich geworden, welche alltäglichen Strapazen und Spagate wir üblicherweise auf uns nehmen. Das Individuum findet sich in einer plötzlich heruntergefahrenen Gemeinschaft wieder, die jedoch nach wie vor von Erwartungsdruck und Verausgabung gekennzeichnet ist. Die Ausstellung Stretch setzt sich mit Potenzialen und Gefahren von Alltagsanstrengungen auseinander und gibt Anlass, einen Moment innezuhalten, bevor das Leben möglicherweise im gewohnten Tempo weitergeht.
 

Mit aktuellen Arbeiten widmen sich sechs Künstler:innen verschiedenen Aspekten des Streckens, Verbiegens und Dehnens. Der Begriff Stretch wird hier als Phänomen verstanden, das unterschiedliche Ausformungen haben kann und die leistungsorientierte Gesellschaft durchdringt. Nicht nur im Sport, im Haushalt oder in handwerklichen Praktiken, sondern auch im Streben nach Schönheits- und Ge- sellschaftsidealen wird (sich) gestreckt und gereckt. Stets mit einer mentalen, körperlichen oder tech- nischen Kraftausübung verbunden, sollen durch Stretching gewünschte Ergebnisse für einen kurzen oder lang anhaltenden Zeitraum erreicht werden. Dabei können allerdings diverse Schäden hervorgerufen werden: Einerseits steht gedehntes Material schnell an der Schwelle zur Überstrapazierung, andererseits kann die ausübende Kraft selbst an ihre äußersten Belastungsgrenzen stoßen.
 

Von Keramik über Textil, von Stahlskulptur zu Drucktechnik bis hin zu Malerei – in der Ausstellung ist eine Bandbreite an künstlerischen Praktiken vertreten. Die Werke zeugen von körperlichen Tätigkeiten und rücken die menschliche Physis als Motiv in den Vordergrund. Der Körper erscheint als Apparat, der nicht nur flexibel, sondern auch vergänglich und verletzlich ist.
 

Živa Drvarič tastet sich im Medium der Fotografie an Körper heran, die als schwarz-weiße Siebdrucke auf Naturleinen präsentiert werden. In ihrem weichen Erscheinungsbild und in unbestimmten Momenten festgehalten kontrastieren Not right und Stretch to fit stereotype Vorstellungen von sich stählernden Körpern im Fitnessstudio. Füße und Beine treten als Träger des Körpers in den Fokus, dem sie Stabili- tät geben, um sicher voranzuschreiten. Eine Hand streckt sich in Reflections III in die Luft – eine flüchtige Geste, die sehnsuchtsvoll und gleichermaßen gespenstisch wirkt.
Dass ein Kraftaufwand auch zu einer Befreiung führen kann, stellt die Künstlerin in einer Serie von Stahlskulpturen unter Beweis. Im verbogenen Zustand sind die überdimensionalen Büroklammern ihrer eigentlichen Funktion beraubt und treten nun als emanzipierte Subjekte in Erscheinung. Zwar stützen sie sich in ihrer neu gewonnenen Freiheit Hilfe suchend ab, doch scheinen sie sich zugleich selbstsicher in neuer Umgebung behaupten zu können.

 

In Christina Hubers Malereien verschwimmt Abstraktion mit Dinglichkeit. Die Oberflächen der Leinwände treten reliefartig in Erscheinung. Kleine Auswölbungen des Materials wirken rätselhaft und duplizieren das Medium der aufgespannten Leinwand. Wie Haut daherkommend scheinen die Bilder nahezu einen selbsttätigen Stoffwechsel zu betreiben. Spuren von Farbe schimmern wie Blutgefäße hindurch, während sich irisierende Farbübergänge vom Organischen entfernen und viel eher an digitale Oberflächen erinnern. In kleinen Formaten versammeln sich die Bilder mit Titeln wie Nach unten links oder Strecken in einer losgelösten Hängung.
In Schwarzer Drache ist die Ölfarbe wie ein Peeling auf das Leinengewebe einmassiert worden. Als pastoser Auftrag bleibt der Farbbestand schlammig zurück. Weder der Beginn noch das Ende des Vorgangs sind klar auszumachen. Durchdrungen von inneren Prozessen und äußeren Einwirkungen fungiert die Hülle eines Körpers wie eine Oberfläche, die unentwegt mit Innen- und Außenwelt in Verbindung steht.

Die Keramiken von Kristina Lovaas blicken uns fratzenhaft entgegen. Es handelt sich um Nachbildungen von Schönheitsmasken, die in der originalen Version der Hautbehandlung dienen. Einst sorgsam aus Ton geformt, bleiben die finalen Objekte wiederum dem Zufall überlassen. Denn die Künstlerin lässt ihre Tonmasken fallen, bevor sie im Brennofen erstarren. Die zerstörerische Geste bricht mit den Traditionen der klassischen Bildhauerei und spiegelt eine Abkehr von den Zwängen eines Schönheitskults wider. Zugleich verharren die Gesichtsausdrücke im Grotesken, als ob es kein Entrinnen gäbe. Dem Alltag entrissen spannt sich ein Rollkragenpullover mit überlangen Ärmeln quer über die Wand. Das Kleidungsstück verspricht für gewöhnlich wohltuende Wärme und Schutz. Hier scheint es dem Raum Zuneigung schenken zu wollen und eine Umarmung zu suchen. Doch eine Berührung erweistsich aktuell als ferner denn je, wie die ins Nichts greifenden Arme von Caught and To Be Catched zu verstehen geben.

In Johanna Käthe Michels Installation sind die zur Fürstenstraße gelegenen Schaufenster mit sogenannten Augenpads übersäht. Ausgetrocknet kleben sie an der Scheibe, anstatt ihrer eigentlichen Funktion nachzukommen. Während sie normalerweise der Minderung von Augenschatten und Falten dienen sollen, erscheinen sie hier wie abstrakte Fensterbilder, die einer Ansammlung befremdlicher Organismen gleichen. In ihrer zur Schau gestellten, lädierten Gestalt zeigen die Kosmetika ironischerweise selbst Alterserscheinungen auf. Was uns derartige Anwendungsmittel versprechen, die insbesondere ein „natürliches“ Aussehen als Ideal proklamieren, führt die Künstlerin in ihrer Werkserie Promises auf poetische Weise vor Augen. Aus Produktbeschreibungen kreiert sie in Cut-out-Technik Gedichte, die nun als Poster präsentiert werden. Eine vermeintliche Fürsorge der Herstellerfirmen für unser Wohlergehen wird ad absurdum geführt. Gleichermaßen lassen sich Momente der individuellen Selbstfürsorge imaginieren.

Martina Morgers begehbare Installation mit dem Titel They start to loose it with time besteht aus einer PVC-Schutzmatte, die schwer auf dem Boden liegt. Auf ihrer glänzenden Oberfläche macht sich eine mühsamverrichtete Arbeit erkennbar. So sind Schleifspuren zu sehen, deren Ursprung jedoch unklar bleibt. Die Einkerbungen und Abriebe zeugen von etwas Geschehenem, das eine menschliche Tätig- keit vermuten lässt. Wie ein programmierter und dennoch viskoser Arbeitsapparat könnte ein Körper zu Gang gewesen sein. Seine Abwesenheit schimmert im Lichteinfall auf. Zugleich scheint der Prozess nicht final abgeschlossen, da uns die Plastikbahn, einer weiteren Abnutzung ausgeliefert, zu Füßen liegt. So erstreckt sie sich sperrig durch die Räume der Galerie. Den Außenbereich ansteuernd wird der Eindruck erweckt, dass sich eine Flucht aus dem Zentrum ereignen will. Mit der ortspezifischen Einnahme der Räumlichkeit testet die Künstlerin zugleich deren Grenzen aus. Das den Boden schützende Material stößt dabei an Kanten oder landet in einer Sackgasse.

Bei Maximilian Hajas großflächig auf die Wand aufgetragenem Bild handelt es sich um einen Aus- schnitt aus dem Film Uzumaki des japanischen Regisseurs Akihiro Higuchi aus dem Jahr 2000. Plot der Manga-Verfilmung ist die kontinuierlich wachsende Obsession einer ganzen Stadtbevölkerung mit Spiralen, woraus sich makabre Szenen entwickeln. Das hier ausgewählte Motiv zeigt den Protagonisten. Zwar gelingt es ihm zunächst, gemeinsam mit seiner Freundin, von der umgreifenden Besessenheit befreit zu bleiben. Allerdings findet er sich schließlich selbst als das hier dargestellte Wesen mit ausgeleierten Gliedmaßen zurück und scheint nun nutzlos gemacht für ein funktionierendes Leben. Ob es eine Flucht oder eine Befreiung ist, bleibt offen, wenn die übernatürlichen Veränderungen Wirkung zeigen. Die gesichts- und körperlose Bedrohung macht tiefsitzende Ängste sichtbar, die danach fragen, welche Zwänge und Routinen zu einem geistigen oder körperlichen Stretch führen. Für welche Ziele beginnen wir uns zu strecken, damit wir etwas erreichen oder einer Sache entkommen?

 

Text von Philipp Lange 

 

 

EN: 

 

The demand for recognition, adaptation and self-optimization, at times appearing remote-controlled, is increasingly being called into question. The pandemic-related standstill revealed the stress and never- ending balancing act we all are subjected to. As individuals we find ourselves in a community suddenly shut down, yet still pressured by the expectation to perform. Stretch confronts the potential and danger of constant stretching and offers a moment of reflection before life moves on as before and we enter the “new normal.”

The six artists presented investigate elements of stretching, bending, and distending. The exhibition title refers to the material as well as a sociocultural phenomenon that permeates our performance-oriented society. Not only physically, intellectually, socially, and artistically, but also in the pursuit of beauty and social ideals, we are prompted and prodded to stretch. Always associated with a mental, physical or technical exercise of strength, stretching is intended to achieve short or long-term results. However, damage can be caused in the process: while stretched material is quickly at the threshold of overstraining, the exercising force itself can reach its extreme stress limit.

The exhibition features a wide range of artistic practices, from painting, to printing techniques and ceramics, to textiles and steel sculptures. The works testify to physicality and focus on the human physique as a motif. The body appears as an apparatus that is not only flexible and strong, but also ephemeral and vulnerable.

Živa Drvarič approaches bodies through the medium of photography and presents them as black and white silkscreens on unprimed linen. With their soft appearance captured in indeterminate moments, Not Right and Stretch to Fit contrast the stereotypical notion of steeled bodies in the gym. Feet and legs come into focus as bearers of the body, providing stability in order to move forward safely.

In Reflections III a hand stretches up in the air—a fleeting gesture that seems yearning and haunting at the same time.
In a series of steel sculptures, the artist demonstrates that physical effort can also lead to liberation. Bent, the oversized paper clips are deprived of their actual function and now appear as emancipated subjects. In their newly gained freedom, they rest on a support as if they were seeking help; however, they seem to be able to assert themselves confidently in their new surroundings.

In Christina Huber‘s paintings, abstraction blurs with thingness, the surfaces of the canvases treated in the manner of a relief. Small bulges in the material seem enigmatic and duplicate the medium of the stretched canvas. In their skin-like appearance, the paintings almost engage in a selfacting metabolism. Traces of paint shimmer through like blood vessels, while iridescent color transitions move away from the organic, much more reminiscent of digital surfaces. Small-format images with titles like Nach unten links or Strecken gather in a detached installation.
In Schwarzer Drache, the oil paint has been massaged into the linen fabric like a facial scrub. An impasto application, the paint remains muddy. Neither the beginning nor the end of the process can be clearly discerned. Permeated by internal processes and external influences, the shell of a body functions like a surface that is in constant contact with the inner and outer worlds.

Looking at us like grimacing faces, Kristina Lovaas’s ceramics are replicas of beauty masks used for skin treatment. The carefully formed clay objects though were left to chance, for the artist drops them on the ground before they solidify in the kiln. This destructive gesture breaks with the traditions of classical sculpture and reflects a reprisal of the constraints of beauty culture. At the same time, the facial expressions persist in the grotesque, as if there were no escape.

Torn from everyday life, a turtleneck sweater with extra-long sleeves stretches across the wall. The garment usually promises soothing warmth and protection. Here, it seems to seek to embrace the surrounding space and offer affection. But touch proves more distant than ever, as the arms of Caught and To Be Catched reach into nowhere.

In Johanna Käthe Michel‘s installation, the shop windows facing Fürstenstrasse are covered with so-called eye pads. Dried out, they stick to the window pane instead of fulfilling their actual function. Whereas they are normally intended to reduce eye bags and wrinkles, here they appear like abstract window pictures that resemble a collection of strange organisms. In this damaged form, the cosmetics ironically reveal signs of aging themselves. In her series of works entitled Promises, the artist poetically demonstrates the hollow claims of such beauty products, especially those that proclaim a „natural“ appearance as the ideal. Using a cut-out technique, she creates poems from product descriptions and presents them as posters, alluding to the manufacturing companies’ supposed care for our well-being ad absurdum. Similarly, moments of personal self-care can be imagined.

Martina Morger‘s immersive installation titled They Start to Lose It With Time consists of a PVC protective mat lying ponderously on the floor. On its shiny surface we can recognize the traces of tedious work: sanding marks of unclear origin. The indentations and abrasions testify to something that has happened, suggesting human activity. Like a programmed yet viscous machine, we feel the presence of a body. Its absence shimmers in the incidence of light. At the same time, the process does not seem to be completed, as the plastic sheet lies at our feet, ready for further wear, stretching cumbersomely through the rooms of the gallery. An inherent movement towards the exterior gives the impression of an imminent escape from the center. Occupying the space in a site-specific way, the artist simultaneously tests its limits, the material protecting the floor butting up against corners or leading to a dead end.

Maximilian Haja‘s large-scale wall painting shows a detail from the film Uzumaki (2000) by Japanese director Akihiro Higuchi. The manga’s plot revolves around an entire city population’s increasing obsession with spirals, leading to ghoulish scenes. The motif chosen here shows the protagonist. Although he initially manages, together with his girlfriend, to withstand the encircling obsession, he eventually finds himself as the creature depicted in the wall painting. Its worn out limbs are now rendered useless. It is unclear whether this is an escape or a liberation — this remains to be seen when the supernatural changes take effect. The faceless and disembodied threat exposes deepseated fears that ask which compulsions and routines lead to a mental or physical stretch. Why do we begin to stretch: to achieve something or to escape?

Text by Philipp Lange